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 Erholungswiese

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BeitragThema - Re: Erholungswiese   Mi 5 Jul 2017 - 18:44
 
Eigentlich war Radu ziemlich skrupellos und leid tat ihm fast nichts und niemand. Er hatte schon Katzen ersäuft und Kindern den Schädeln weg geballert, hatte Frauen, die er frisch zu Witwen gemacht hatte, vergewaltigt und ihm war so ziemlich an niemandem etwas gelegen. Aber dass sein Bruder jetzt am Rande des Lebens wandelte, ohne dass er nicht bei ihm sein konnte, das zeriss ihm das tote Herz. Er könnte völlig wahnsinnig werden und sollte sein Baba sterben würde es auch nichts mehr geben, für das er noch leben wollte.
Rei nahm ihn in den Arm und er roch ihren süßen, an Jasmin und Rosmarin erinnernden Duft, als sie ihren Kopf an seinen legte. Irgendwie tat das gut... Seine Hände zitterten, er war ein einziges Nervenbündel, als er mit sich rang, ob er sie auch umarmen sollte. Wäre das denn gut? Er könnte sie auch erwürgen... Ja, er könnte ihr seine großen, kräftigen Hände um den Hals legen, ihr mit Leichtigkeit die Luft abdrücken, bis er den Kehlkopf knacken hörte... Einige Stimmen in seinem Kopf rieten ihm dazu, dann würde er sich sicher besser fühlen.
Töte sie.
Fühle, wir ihr Leben dir durch die Finger rinnt.
Räche dich, sie ist doch erst schuld, dass es dir so geht!
Wärst du nicht zu ihr gegangen, hättest du den Anruf nie gekriegt und es wäre nie passiert!

Radu sah auf seine zitternden und zuckenden Hände hinunter, mit einem irren Funkeln in den Augen und einem zur schrecklichen Grimasse verzogenen Gesicht. Es war dumm, natürlich hatten weder Rei noch Draco Schuld an dem, was mit Basarab geschehen war. Aber für einen Moment... ballte er die Hände zu Fäusten und presste sie sich an die Schläfen, als könne er damit die Stimmen zerquetschen und zum Schweigen bringen. „Haltet doch endlich die Klappe....“, wimmerte er dazu.
Es ist die Wahrheit und du weißt es.
Du bist ein Monster und Monster vernichten alles um sich herum.

„Haltet die Schnauze...“ Er wollte das nicht hören. Das war nicht, worum es hier ging... „Sie... sie will nur helfen...“ Er erinnerte sich an das, was Basarab immer gesagt hatte, wenn die Stimmen unerträgliches sagten. Oft genug schon hatte Radu den Stimmen nachgegeben, aber jetzt erschien ihm das so falsch... Was nur hatte Basarab immer gesagt? Angestrengt versuchte er sich zu erinnern.... Und dann stand der Ältere klar und deutlich vor ihm. 'Wenn du willst, dass sie die Klappe halten, mach das Gegenteil von dem, was sie sagen. Du bist doch der Boss und nicht diese Gespenster'
Plötzlich fiel er der kleinen Person, die vorsichtig versuchte, mit ihm zu reden um den Hals, drückte sich an sie und brach ungezügelt in Tränen aus. Er war im Moment schwach und doch tat er das Gegenteil von dem, was sein Kopf ihm zu brüllte. Einen Augenblick lang ging in seinem Hirn ein Sturm los aber mit einem lauten Brüllen, bevor er wieder von Schluchzern geschüttelt wurde, legte auch der sich. Minutenlang hockte er nur da und weinte. Rei gegenüber fühlte er sich nicht so, als müsste er andauernd stark sein... Etwas ging von ihr aus, dass ihn beruhigte und offen werden ließ.
„Baba... es geht um Baba...“, kam dann irgendwann leise von ihm und er legte seine Stirn an ihre Stirn. Er schien gerade so viel kleiner zu sein als sie... „Basarab... mein Bruder. Ich habe einen Bruder, er ist sieben Jahre älter als ich. Wir... wir waren immer zusammen...“ Es gab auch glückliche Zeiten in Radus Leben... von seiner Vergangenheit als Mensch wusste er nur noch wenig. Aber es gab einige glückliche Erinnerungsfetzen... „Wir wurden zusammen verwandelt... Und er war... er war immer so stark und jetzt...“ Wieder schüttelten ihn Weinkrämpfe und er musste tief durchatmen um weiter zu sprechen. „Unser... unser Schöpfer hat mich angerufen.... Baba ist schwer krank... man hat ihm verdorbenes Blut gegeben. Irgendwas... war in dem drin, aus dem er getrunken hat... Ich will ihn nicht verlieren, ich... ich kann das nicht... ich kann das alles nicht ohne ihn...“ Warum er ihr jetzt alles erzählte, wusste er nicht. Aber sie hörte ihm zu. Draco würde das nie tun... Rei war jetzt da und sie versuchte es zumindest.
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BeitragThema - Re: Erholungswiese   Mi 5 Jul 2017 - 19:25
 
Rei konnte bei der Umarmung spüren wie Radu zitterte, so schlimm schien es um ihn zu stehen. Plötzlich begann er zu rufen, jemand solle die Klappe halten, solle endlich schweigen. Für einen Augenblick, zuckte Rei zurück, schaute dem Vampir ins Gesicht und dachte für den Bruchteil einer Sekunde daran, dass er das Talent hatte innere Stimmen wie die von Draco zu hören. Dann aber hämmerte Radu gegen seinen Kopf und da schien es als tauche Rei aus einem dunklen Wasser auf und würde über sich den strahlend blauen, klaren Himmel erkennen.
Rei kroch auf den Knien so nah an Radu heran, wie es ging und wollte ihn ganz fest an sich drücken, doch der Vampir war schneller, packte sie und presste sie an sich, während er hörbar in Tränen ausbrach. Rei legte ihre Arme um ihn und ihren Kopf an seinen. Eine unglaublich starke Woge an Gefühlen spülte über Rei hinweg und all der Mist aus ihrem alten Leben sprudelte nach oben und trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie wollte doch nicht weinen und vor allem nicht vor ihm! Nicht jetzt bitte, nicht, flehte sie innerlich, aber wenn der Stopfen gezogen war, konnte nichts ihre Tränen aufhalten.
Es dauerte eine ganze Weile bis Radu soweit runter gekommen war, dass er einigermaßen sprechen konnte. Er legte seine Stirn auf ihre und Rei blickte in die gelben, verweinten Augen des Vampirs. Als hätte man ihn von innen nach außen gestülpt, so schien es ihr. Und jetzt glaubte sie auch zu verstehen, wer dieser Radu eigentlich war.
Sie legte ihre Hände seitlich auf seine Wangen und unter Tränen erzählte er ihr von seinem Bruder, wie nahe sie sich standen und wie sehr es ihn verletzen würde, ihn zu verlieren.
Er war kein Monster. Zumindest jetzt nicht und Rei bezweifelte auch stark, dass er sonst ein echtes Monster war, auch wenn er sicherlich so manchen Scheiß verzapfte. Aber war Draco da groß anders? Und selbst ihn konnte sie nicht wirklich als Monster ansehen. Das wusste sie nun.
Rei wusste bis auf das wenige, was er und Draco geredet hatten, praktisch nichts über Radu. Das hier schien wie ein Puzzleteil aus Gold oder einer der vielen Schlüssel zu dem Wesen namens Radu.
Rei zwickte sich abermals innerlich. Schon wieder hatte sie einen Vorteil davon, dass es Radu schlecht ging. Jetzt fühlte sie sich mies. Richtig mies. Aber auch hilflos im Angesicht des riesigen Problems, das Radu das Herz zerriss.
Sie wollte am liebsten einen Zauber raus suchen und alle Trauer und alle Angst von Radu nehmen, selbst wenn sie diesen Schmerz dann ertragen müsste, aber sie konnte andere einfach nicht leiden sehen. Besonders wenn sie diesem Leid hilflos entgegen traten.
"So ein Scheiß.", entfuhr es ihr nur, zu mehr traute sie sich im Augenblick nicht.
Sie wusste selbst wie sie es hasste Ratschläge in Downphasen zu bekommen von Leuten, die einfach nicht betroffen waren und wahrscheinlich sogar nie so etwas selbst durchgemacht hatten. Rei hatte nie jemanden verloren, der ihr nahe stand, also hielt sie sich schön davon fern irgendwelche Ratschläge zu geben.
"Sag ihm doch irgendwas.", ertönte plötzlich Dracos Stimme in ihrem Kopf, recht vorsichtig für Draco.
Er war ganz in der Nähe, doch immer noch leicht auf Distanz und Rei konnte seine Unruhe und Nervosität spüren. War das so etwas wie Sorge?
"Du... wir... ich helfe dir. Wir... wir suchen nach einer Lösung, okay? Wir ... finden da was. Wir packen das.", antwortete Rei mit sanfter, gesenkter Stimme, "Wir lassen deinen Baba nicht einfach so sterben."
Ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen. Diese scheiß verdammte Welt, sie gab den Reichen und Schönen und Gehorsamen immer mehr und nahm denen, die so schon kaum etwas hatten immer mehr weg. Rei war wütend und diese Wut würde sie nutzen, um etwas zu tun.
Sie versuchte Radus Gesicht leicht zu heben, damit er ihr die Augen sah.
"Hörst du? Du musst da nicht alleine durch."
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BeitragThema - Re: Erholungswiese   Mi 5 Jul 2017 - 22:49
 
Ergab etwa irgendetwas von dem Sinn, was er da von sich gab? Eigentlich hatte er das Gefühl, gerade nur sinnlosen Quatsch zu brabbeln, der vielleicht ein bisschen von seinem kranken Bruder handelte. Aber Rei schien ihn zu verstehen... Er fühlte ihre Hände an seinen nassen Wangen und ihr Blick hatte etwas so... klares. Ein Rettungsboot, welches gerade rechtzeitig aufgetaucht war. Alles brach gerade über ihm zusammen und drohte, den Vampir zu ersticken.
Und dann kam sie und... hörte ihm tatsächlich zu. Viel hatte er mit Rei nicht zu tun gehabt, wenn man es genau bedachte. Er war ja immer nur mit dem wilden Dämon Draco zusammen gekommen und selbst dann nur für gemeinsame sexuelle Eskapaden. Sie sprachen nicht über Gefühle, wenn sie überhaupt mehr miteinander sprachen als den üblichen Dirty Talk den man in der Hitze des Gefechts von sich gab. Jetzt war Radu einfach nur verzweifelt... und Rei erkannte das. Rei war jetzt für ihn da.
„Ja... ein Riesenscheiß ist das...“ Fast hätte er angesichts des groben Wortwitzes gelacht und einige Laute, die wohl einer Hyäne alle Ehre gemacht hätten, kamen stoßartig aus seinem Mund. Auch wenn sie bald wieder von Schluchzern abgelöst wurden. Noch nie in seinem Leben hatte er so viel geweint... und schon gar nicht aus Trauer, aus Leid und noch nie gegenüber eines Anderen. Und Rei kannte er doch eigentlich kaum. Aber er spürte ihre tröstlichen Hände an seinen Wangen. Hörte, was sie sagte. Fühlte schließlich, wie sie sein Gesicht anhob, damit er sie ansehen musste. Und versicherte ihm, dass er nicht alleine war. Sie hatte wirklich zugehört, sie verwendete sogar Basarabs Kosenamen. Ja, es war sein Baba und sie ließ ihn in seinem Schmerz und seiner Trauer nicht allein, obwohl sie sich so wenig kannten. Er sah ihr in die blauen, mit grün durchzogenen Augen, die so anders waren als die goldenen Steine, die zu Draco gehörten. Diese hier sahen mit Besorgnis und dem ehrlich Wunsch, ihn aufzumuntern an.
„Ja... ja ich höre dir zu...“, meinte er dann langsam, während er seine Hände auf ihre legte. Er konnte immer noch nicht aufhören zu weinen... aber er beruhigte sich etwas, wurde nicht mehr so arg von Krämpfen geschüttelt wie vorher. Sie weinte auch... Der Vampir strich ihr mit dem Daumen über die Wange. „Wir... Geh... geh bitte nicht weg, ja? Er... er ist mein Ein und Alles... er ist ja alles an Familie, was ich noch habe... Litovoj hat gesagt, es steht schlecht um ihn. Bleib du wenigstens hier... bei mir... ja?“, bat er und sah sie hoffnungsvoll an. Er war mit einem Mal so unheimlich froh, dass jemand, dass SIE da war... Er hätte Draco heute nicht ertragen. Der dominante Dämon war ein guter Gefährte, wenn man heftig seine Bedürfnisse befriedigen wollte, aber... Rei bot ihm etwas, das Draco ihm nie würde geben können. Ihr nahe zu sein hieß nicht, im nächsten Moment besprungen zu werden... Draco war ganz anders als sie, viel heißblütiger, aber er hatte nicht mehr für Radu übrig, so wie er das einschätzte. Wohl ein Grund, warum er manchen Gedanken an den Dämon wegknurrte. Jetzt sah er Rei jedenfalls nur aus großen, gelben und bittenden Augen an, kaum mehr als ein paar Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt.
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BeitragThema - Re: Erholungswiese   Mi 5 Jul 2017 - 23:16
 
Reis kleiner, böser Ausdruck ließ den Vampir lachen, auch wenn immer noch Tränen über seine heißen Wangen flossen. Er schniefte und manchmal zog er stoßweise die Luft ein, zitterte hin und wieder, aber es begann besser zu werden.
Es hatte wohl geholfen etwas Nähe auf zu bauen, denn er schien langsam wieder ins Hier und Jetzt zurück zu kehren. Er legte seine Hände auf ihre und sah zu ihr auf. Sein Blick war eindeutig nicht mehr der von dem Radu, den Rei bisher kennen gelernt hatte. Nun hatte er etwas zutiefst Menschliches an sich.
„Wir... Geh... geh bitte nicht weg, ja? Er... er ist mein Ein und Alles... er ist ja alles an Familie, was ich noch habe... Litovoj hat gesagt, es steht schlecht um ihn. Bleib du wenigstens hier... bei mir... ja?“, bat sie der Vampir und strich ihr mit dem Daumen eine Träne von der Wange.
Jetzt war es ihr fast schon peinlich, dass sie geweint hatte und immer noch feuchte Augen hatte. 
Als er das zwischen den Tränen hindurch sagte, schaute Rei ihn für einen Augenblick erstaunt an. Er vertraute ihr? Unwillkürlich wurde Rei ein klein wenig rot an den Wangen.
Dann lächelte sie, beugte sich die letzten Zentimeter vor und gab Radu einen Kuss auf die bemützte Stirn, bevor sie ein bisschen daran zog, sodass sie bis auf seinen Nasenrücken rutschte.
"Ich geh schon nicht weg, Reißzähnchen.", antwortete sie mit einem leicht neckischen Unterton, ließ sein Gesicht aus ihren Händen, damit er es sich abwischen konnte und setzte sich neben ihn mit dem Rücken zum Baumstamm, wobei sich ihre angrenzenden Schultern berührten.
"Das wir schon wieder.", sprach Rei sich selbst gut Mut zu und strich sich ein paar Strähnen aus dem Gesicht hinter die Ohren.
Sie seufzte hörbar und legte dann ihren Kopf an Radus Schulter.
"Tut mir Leid, ich bin dir wahrscheinlich gerade keine große Hilfe.", gab sie zu und schaute durch die Blätterkrone hinauf zum Sternenhimmel, "Aber wenn ich irgendwas dummes sage, dann erwürg mich bitte nicht gleich."
Sie warf einen Blick zu Radu und lachte leicht auf, ein sanftes Lächeln blieb zurück. Sie war nervös. Das war sie immer in Gegenwart von Menschen, aber besonders bei ihm hier. Immerhin war das kein Wildfremder, er war der Typ, der ständig mit ihrem Untermieter in ihrem Körper *** hatte. Die peinliche Tatsache, dass sie sozusagen damit indirekt auch... ließ sie eine leichte Gänsehaut bekommen und die Arschbacken zusammen kneifen.
Zumindest hielt Draco mal den Mund, sonst würde sie wahrscheinlich gleich eine leichte Panikattacke bekommen. Sie versuchte sich einfach zu beruhigen, atmete die frische Nachtluft tief ein und zeichnete gedankenverloren kleine magische Kreise auf den Jeansstoff über ihrem Knie.
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BeitragThema - Re: Erholungswiese   Do 6 Jul 2017 - 0:15
 
Bis die erlösende Nachricht kam, dass sein Bruder über den Berg war, würde sich Radu wohl so schnell nicht beruhigen. Und gleich dreimal nicht würde er schlafen, höchstens irgendwann zu Tode erschöpft in seinen Sarg fallen und ein paar Stunden in unruhiger Besinnungslosigkeit verharren. Ihm wurde erst jetzt so recht klar, wie sehr er den Blonden vermisste... wegen seiner Herrin war er in dieses Land gekommen, Draco hatte ihm die Mühe abgenommen, sich andauernd neue Weiber zu suchen um seine Triebe zu befriedigen. Aber seinen Bruder und die enge Beziehung, die beide zueinander hatten, konnte ihm keiner ersetzen. Er wäre einfach nur zerstört, wenn der Ältere nicht überleben würde...
Aber aus irgendeinem Grund hatte er auf einmal wieder Hoffnung, dass er es überleben konnte. Wenn er in diese Augen wie das Meer an der rumänischen Küste sah, dann keimte in ihm die Hoffnung auf, dass noch nicht alles vorbei war. Dieser Rotschimmer an den Wangen, der große Blick.. wenn er sie jetzt küsste, was würde anders sein als die Küsse mit Draco? Würde sie anders schmecken? Würde sie überhaupt erwidern?
Aber bevor er sich weit genug vorbeugen konnte, um es heraus zu finden, küsste ihn ihn auf die Stirn und zog ihm dann seine Mütze über die Augen bis auf die Nase. „Hey!“ Na die war ja frech! Ein bisschen angesäuert und unwirsch rückte er sich die Kopfbedeckung wieder zurecht und wollte eigentlich fast schon wütend werden, bis ihm klar wurde... dass sie es geschafft hatte, ihn sehr erfolgreich abzulenken. Reißzähnchen... Das hatte auch noch keiner zu ihm gesagt. Aber immerhin hatte er aufgehört zu weinen und konnte sich das Gesicht mit den Ärmeln seiner Jacke abwischen.
Beide lehnten jetzt mit dem Rücken an dem Baum und saßen Schulter an Schulter da. Er nickte leicht auf ihre Aussage, irgendwie glaubte er ihr das. „Er... er war schon immer stark. Er hat die Pocken und sogar Milzbrand überlebt... Und die schweren Epidemien im Winter... ganz früher, als wir noch Menschen waren. Menschen...“ Es war so unendlich lange her, dass er ein Mensch gewesen war. Und doch fühlte er sich heute menschlicher und verletzlicher als jemals zuvor. Aber solange sie da war... störte ihn das nicht mal.
Dann seufzte sie und lehnte mit dem Kopf an seiner Schulter. Mit einem verwirrt-verdutzten Ausdruck sah er auf den weißen Haarschopf hinunter. Und musste auf ihre nächsten Worte schmunzeln, bevor er in den Himmel aufsah. Er sah hier so anders aus als Zuhause... Und nahm dann ihre Hand. „Ich erwürge dich schon nicht...“, raunte er leise und drückte ihre Hand sanft. „Du... hilfst sehr, weißt du?“ Er musste einen Moment die Augen schließen und ihren Geruch einatmen. Dumme Idee.
„Ich mein's ernst... Ich bin froh, dass du hier bist..“ Radu drehte sich leicht zu ihr, ihre Hand immer noch in seiner. Die freie Hand legte er ihr wieder an die Wange, strich leicht mit dem Daumen darüber. „Ich will nicht, dass du weinst. Das steht dir zwar gut, aber... du solltest lächeln. Das sieht viel besser aus... Ja, genau so“ Er ließ sich selbst von ihrem Lächeln anstecken und durch die unendliche Traurigkeit, die ihn erfüllte, schien ein kleines Licht. Wieder musste er sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischen, wieder kam es in ihm auf, dass er seinen Baba vielleicht verlieren könnte. Aber trotz seiner Tränen versuchte er sich an einem Lächeln, das nicht aussehen sollte, als ob eine Hyäne gleich gefüttert wurde. „Genau so... Dann... dann glaube ich auch, dass alles gut werden kann...“ Wieder drückte er ihre Hand und machte dann etwas, dass er mal bei seinem Bruder gesehen hatte. Er führte ihre schlanken, zarten Finger an seine Lippen und gab ihr einen zwar nicht unbedingt eleganten und wahrscheinlich zu festen, aber gut gemeinten Handkuss. Es war nicht gerade einer von einem Musketier, aber er fraß auch nicht gerade ihre Hand auf. Es war passabel. „Du... bist sehr schön, weißt du das eigentlich?“ Jetzt wurde er selbst leicht rot und sah fast verlegen zur Seite. „Ich... meine es wirklich so... ich finde du bist sehr schön...“, setzte er noch hinten dran, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen.
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BeitragThema - Re: Erholungswiese   Do 6 Jul 2017 - 0:41
 
Radu wischte sich sein Gesicht mit einem Ärmel trocken und erzählte Rei dann was für ein starker Kerl sein Bruder war und was er alles überlebt hatte, und das schon als sie noch Menschen waren. Rei musste lächeln, als er so von seinem Bruder erzählte. Er schien ihn sehr sehr gern zu haben.
Plötzlich spürte Rei eine fremde Hand auf ihrer und ihr Kopf wandte sich ruckartig Radu zu. Sie schaute ihn total verdutzt an, während er ihre Hand leicht drückte und zugab, dass er ganz froh war, dass sie doch hier war. Rei spürte die Hitze in ihren Kopf steigen und wünschte sich sie könnte ihm die Mütze klauen, um ihr Gesicht damit zu verdecken.
Jetzt drehte er sich sogar zu ihr und seine frei Hand strich über ihre noch etwas leicht feuchte Wange.
„Ich will nicht, dass du weinst. Das steht dir zwar gut, aber... du solltest lächeln. Das sieht viel besser aus...", raunte er und Rei stockte der Atem.
Für einen Augenblick schaute sie ihn nur starr an, aber dann kam ihr der Gedanke, dass sie sich nicht so peinlich aufführen sollte nur weil er jetzt ein bisschen nett zu ihr war. Besonders fiel ihr ein, dass er gerade nach Trost suchte und wahrscheinlich gar nicht wirklich bei Verstand war. Rei begann zu verstehen und ihr Lächeln kehrte zurück.
Das schien Radu sichtlich aufzumuntern, auch wenn es sicher nicht vergessen hatte, was mit seinem Bruder war. Rei beruhigte sich langsam wieder und freute sich ein wenig, dass Radu so vernünftig geworden war. Als der Vampir dann allerdings ihre Hand in seiner zu seinem Mund hob und ihre Hand küsste, verschwand Reis Lächeln wieder und sie musste schlucken. Panik begann von ihren Beinen durch ihren Bauch nach oben zu steigen und sie wartete nur darauf Dracos lautes Gebrüll zu hören, der schien allerdings wohl auch total überrascht zu sein.
Aber Radu war nun einmal keiner der tief stapelte, also setzte er noch einen drauf und gestand Rei, dass er sie sehr schön fand und dass sie ihm das ruhig glauben sollte und so wie er leicht zur Seite schaute, nahm sie ihm das irgendwie sogar ab.
Aber sie war sie und er war er und die Wahrscheinlichkeit... nein...
"Ähm... ich... soll ich Draco rufen?", fragte sie mit einer ungewöhnlich brüchigen und unsicheren Stimme.
Ihr Blick war wie der eines aufgeschreckten Rehs, das nicht wusste wohin, während sie die Hitze weiter in ihre Wangen steigen fühlte. Sie traute sich nicht die Hand aus seiner zu reißen, sie sollte nicht herzlos sein, aber es beschlich sie das Gefühl, dass Radu diese Zärtlichkeiten eigentlich mit Draco teilen wollte oder sollte.
Nicht, dass es nicht schön war so berührt und bewundert zu werden, aber das kam Rei irgendwie verdächtig vor, weswegen sie lieber fragte, bevor er vielleicht doch mehr wollte und sie noch im Vordergrund war anstatt Draco.
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BeitragThema - Re: Erholungswiese   Do 6 Jul 2017 - 1:11
 
Sie roch so ganz anders als ihr Counterpart... Draco roch immer ein wenig nach Zeder und es schwang auch immer Feuer mit, wenn er an der Reihe war. Sein distinktiver Geruch war zwar immer noch irgendwie feminin, was einfach dem weiblichen Körper geschuldet war, in dem er steckte. Aber die herbe Würze und kraftvolle Note eines Mannes schwang immer bei ihm mit, eingebettet in den süßlichen, zarten Geruch von Rei. Da sie jetzt aber das erste Mal, seit sie sie sich kannten, wirklich für ihn bewusst über längere Zeit die Kontrolle hatte, konnte er ihren Geruch in seinen feinen Nuancen differenzieren... Sie roch nicht so stark nach Pheromonen wie Draco immer. Sie roch fein, blumig, und doch gab es da noch etwas. Etwas sehr starkes, dem wohl der an Rosmarin und Thymian erinnernde Duft geschuldet war. Vielleicht etwas, von dem Rei selbst nicht wusste, dass es existierte. Etwas, das von ihrem Herzen ausging... und dann gab es da noch etwas. Etwas dunkles, schwermütiges... Krankheit. Und noch mehr... etwas, dass er auch in ihrem Blut schmecken konnte, dass immer diesen bitteren Nachgeschmack abgegeben hatte.
Er wollte das Bittere bei ihr nicht... er hatte das ungute Gefühl, dass es nichts war, worüber man sprechen sollte und doch... Es musste sie belasten.
Radu war ein bisschen überfordert mit dem, was er fühlte. Er hatte Angst, panische Angst, seinen Bruder zu verlieren, gleichzeitig half diese Frau, die er doch so wenig kannte, diese Angst abzufangen und sie zu verarbeiten. Radu wünschte sich ein bisschen, dass Draco wenigstens ein bisschen so sein konnte wie Rei... aber Rei war andererseits auch hier. Und wenn sie auch nicht den Sex von Draco hatte, sie hatte etwas, dass ihn verwirrte, weil er diese Gefühle nicht kannte. Und er sowieso nicht so kompliziert war, dass er mehr als vielleicht zwei, drei Sachen auf einmal fühlen konnte. Bei anderen fühlenden Wesen, Vampiren, Menschen, Dämonen, was es nicht alles gab, da war es ihm immer klar. Er mochte sie, oder eben nicht. Rei mochte er. Sogar sehr...
„Nein!“ Er war da fast zu harsch, räusperte sich und strich ihr die Haare hinters Ohr. „Nein... nein, ich... will nicht mit Draco sprechen. Du bist hier und das... das tut mir gut... Glaube ich. Draco versteht das nicht... Du schon“ Hatte er sie irgendwie verärgert oder verschreckt mit seinem Geständnis? Frauen hörten doch gerne, dass sie schön waren... oder nicht? „Bitte, bleib hier... Ich will dir nichts tun, bitte hab keine Angst vor mir. Ich weiß, ich... bin ein Monster... aber ich würde dir nie weh tun, Rei...“ Skrupellos, ja, das war er wohl. Aber nicht herzlos... Rei war für ihn da, jetzt, wo er am schwächsten war. Und sie würde ihn nicht ausnutzen.
Ob er sie wohl küssen konnte, ohne dass sie vor ihm floh? Der Handkuss hatte sie schon etwas verwirrt... und sie könnte glauben, dass er mehr wollte.
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BeitragThema - Re: Erholungswiese   Do 6 Jul 2017 - 1:59
 
"Nein!", rief der Vampir schon fast, blieb dann aber ruhig und strich Rei eine Strähne ihres Haars hinters Ohr, „Nein... nein, ich... will nicht mit Draco sprechen. Du bist hier und das... das tut mir gut... Glaube ich. Draco versteht das nicht... Du schon."
Rei war verwirrt, sie verstand nicht recht wieso jetzt auf einmal sie. Nachdenklich senkte sie ihren Blick und lief vollends rot an. Sie konnte spüren, wie ihr Herz ein paar Sprünge machte und dann noch mehr Hitze nach oben pumpte. Sie fühlte sich so uncool, so kindisch und peinlich.
Sie lehnte ihren Kopf zurück, atmete tief ein und aus und versuchte sich zu beruhigen und zu ordnen.
Bitte, bleib hier... Ich will dir nichts tun, bitte hab keine Angst vor mir. Ich weiß, ich... bin ein Monster... aber ich würde dir nie weh tun, Rei...“, fügte der Vampir an und Reis Blick wanderte zu ihm.
"Ich ... ich habe keine Angst aber...", und ihr Blick senke sich auf Radus Brust, "... und nein du bist genauso wenig ein Monster wie Draco. Daran liegt es nicht."
Sie seufzte hörbar, knallte den Hinterkopf ein paar Mal an den Stamm und atmete dann noch einmal tief ein und aus. 
"Ach was soll's.", dachte sie sich und nahm all ihren Mut zusammen.
"Es ist, dass ich weiß, dass da was zwischen euch ist. Draco und dir... und ... er würde es nie zugeben, aber du hast irgendwas bei ihm bewirkt und.."
Rei seufzte resignierend.
"Ich bin bloß das fünfte Rad am Wagen und ich zwänge mich da nicht dazwischen, das ist eure Sache und ich muss damit klar kommen. Ich habe ihm versprochen ihm zu helfen wieder ein Mensch zu werden und wenn er diesen Weg für den richtigen hält, anstatt meinen, dann ist das seine Entscheidung."
Rei riss mit der freien Hand ein paar Grashalme aus und warf sie vor sich ins Gras.
"Wenn du mich fragst hat er einfach Angst den nächsten Schritt zu tun und sich ganz auf dich einzulassen und dann würde er auch merken was für große Fortschritte er dann machen würde, aber er ist ein verkappter Sturkopf und..."
Damit wandte Rei ihren Blick wieder Radu zu.
"... ich finde du hast es einfach nicht verdient so behandelt zu werden, wenn du wirklich so fühlst wie ich denke. Das hat niemand verdient..."
Dann senkte sie wieder den Blick.
"... aber es geht mich wie gesagt nichts an. Ich bin bloß die Verbindung für Draco und dich und eigentlich nur hier, weil Draco zu große Angst hat auch nur eine einzige menschliche Regung zu zeigen, geschweige denn jemandem bei zu stehen und zu trösten. Ich meine, ich konnte dich hier nicht einfach sitzen lassen und mich in aller Seelenruhe daheim hinlegen und schlafen, wenn ich weiß dir geht es dreckig und wenn Draco nicht die Eier dafür hat, dann musste ich doch... was tun.."
Ihr Blick ging wieder zu Radu. 
Für fast eine ganze Minute lang sah sie ihm direkt in die Augen.
Irgendwie hatte dieser Anblick etwas faszinierendes. 
Vielleicht weil Radu im Augenblick mehr Mensch als Vampir war?
Rei war sich nicht sicher, ihre Gefühle tanzten Tango zwischen Fluchtgedanken und Zuneigung und am liebsten hätte sie die Augen zugemacht und wäre dann aus diesem Traum erwacht. 

Fast eine ganze Minute lang hatte sie ihn nur angestarrt und Rei hatte es kaum gewagt zu blinzeln. Es waren kaum noch vier Zentimeter zwischen ihnen, als Rei ihren Kopf noch schnell genug zurück zog, die Augen gesenkt, ihre Hand aus seiner nahm und ihm zuhauchte:
"Du und Draco..."
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BeitragThema - Re: Erholungswiese   Do 6 Jul 2017 - 13:12
 
Die gerade so mühselig aufgebaute Hoffnung, dass es besser werden könnte, bröckelte wieder, als sie anfing zu erklären, dass sie im Prinzip nichts für Radu übrig hatte. Der Vampir hörte zu, sogar sehr aufmerksam, aber jedes Wort von ihr brachte auch die Stimmen mehr und mehr zurück.
Sie hält dich doch für ein Monster, siehst du?
Ein Schwachkopf bist du! Dachtest du echt, sie würde wegen DIR hier her kommen?
Ja, wer würde sich schon um so eine solche Rassenschande wie dich kümmern?
Und dann noch eine Frau wie sie!
Du bist hier nicht im Märchen, du abgehalfterter, hässlicher Blutsauger!
Sie findet dich doch genauso abstoßend wie jeder andere!
Als würde dich auch irgendjemand hier wollen!
Du solltest sie töten, ja, töte sie doch einfach! Tote wollen dich immer, die wehren sich nicht!
Ja, wenn du sie tötest, dann wird’s dir viel besser gehen!
Versuch's doch einfach, sie ist so nah und sie wird sich nicht wehren!

Warum sagten sie so etwas?! Sie sagte doch, dass sie ihn zumindest nicht hasste und ihn genau wie Draco nicht für ein Monster hielt. Aber mit einer Sache hatten diese Stimmen wohl recht. Sie hatte nichts für ihn übrig, weil er eben er war. Sondern sie war einfach gekommen, weil es ihm schlecht ging und sie daher ein schlechtes Gewissen gehabt hätte, wenn sie ihn einfach hier hätte verrückt werden lassen.
Sie war nicht wegen ihm hier... und als sie dann seine Hand los ließ, sich zurück zog und wieder die Beziehung – wenn man es so nennen konnte – zwischen ihm und Draco vorschob, stach es ihm direkt ins Herz.
„Wenn... Draco wirklich etwas an mir liegen würde...“, schluchzte er wieder leise, rieb sich die Oberarme und biss sich auf die Unterlippe. „Ich bin ihm im Grunde egal... Und wenn du nur hier bist, um dein Gewissen zu beruhigen... Warum solltest du dich auch mit einem wie mir abgeben... Jemand wie du, jemand mit reinem Herzen... Du willst Draco helfen ein Mensch zu werden? Das soll er lassen... Was hat er von der Menschlichkeit? Gerade eben noch dachte ich... ich könnte das auch noch einmal... Aber ich bin kein Mensch mehr, ich bin ein Monster. Ein Mörder, ein Schlächter. Draco weiß das, deshalb ist er auch jetzt nicht hier. Weil ich ihm nichts bedeute... Du hast vorhin gesagt, du würdest mir helfen und wir würden eine Lösung finden. Aber du hast das nur gesagt, weil... weil du irgendetwas sagen wolltest, um zu helfen. Du hast es nicht gemeint... Und ich Idiot hab es auch noch geglaubt...“
Radu kauerte sich wieder zusammen, legte den Kopf zwischen die Knie und zitterte. Er fühlte sich allein... Vorhin noch, da hatte er geglaubt, Rei wäre wirklich mal an ihm interessiert, auch an seiner schwachen Seite... Aber er begriff langsam, dass sie NUR die schwache Seite mochte. Und auch nur, weil sie anscheinend irgendein Helfersyndrom ausleben wollte.
„Draco ist an mir doch nichts gelegen. Und du bist doch nicht nur ein Verbindungsstück! Das stimmt nicht! Wenn er dir das einredet, knall ihm eine, bevor ich's mache! Ich habe gedacht, du wärst meinetwillen hier, weil... weil du mich magst. Ich mag dich. Und wenn du glaubst, dass ich dich nur wegen Draco magst, dann irrst du dich! Wir haben uns wegen Draco kennengelernt, aber... was red ich überhaupt noch. Geh doch einfach, wenn du nur hier bist, damit Draco irgendwas lernt... So funktioniert das nich... Er wird so nicht lernen... weil man sowas nicht lernen kann... Entweder mag man jemanden, oder eben nicht. Was er will, ist Sex... Und nicht mich“ Sollte Baba allerdings sterben... dann würde Draco sich jemand neuen suchen müssen, mit dem er seinen Spaß haben konnte. Und selbst, wenn der Blonde überleben sollte... Radu wurde langsam klar, dass es nicht mehr so sein würde wie vorher. Gefühle brauchte er nicht zu haben für Draco... das brachte nichts... egal wie oft und lange er sich hatte einreden wollen, dass er vielleicht mehr für den Dämon übrig hatte und deshalb mit für ihn ungewöhnlicher Regelmäßigkeit zu ihm zurückgekehrt war.
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BeitragThema - Re: Erholungswiese   Do 6 Jul 2017 - 13:50
 
Rei starrte Radu mit einer Mischung aus Überraschung und Bestürzung an. Was hatte sie nur angerichtet?
Sie hörte Radu aufmerksam zu und mit jedem weiteren Satz fühlte sie sich schuldiger. Sie konnte es doch einfach nur vermasseln, oder? Da konnte sie es noch so gut meinen, aber definitiv würde sie der andere wieder falsch verstehen. Warum war das immer das gleiche mit ihr? Der alt bekannte Selbsthass stieg in ihr auf und desto mehr Radu redete, desto mehr hasste sie sich und fühlte unerwartete Angst Radu vielleicht in irgendeiner Weise verletzt zu haben mit ihren Worten.
"Achso, verstehe. Ich bin also unwichtig geworden!", wetterte Draco, als er Radus Ausführungen hörte, "Wie schön, wenn man so verarscht wird!"
Rei wurde stinkwütend. Radu glaubte Rei zu mögen, fühlte sich deutlich verletzt davon, dass Rei ja nur hier sei, um schlimmeres zu verhindern, während Draco sich lauthals zu beschweren begann über Radus Gerede, dass er ja nur das eine wollte und dass Radu als Person ihm total egal war.
Schließlich riss sogar für Rei der Geduldsfaden.
"Haltet beide die Schnauze!", brüllte sie, dass ein paar Vögel aus den nahe gelegenen Bäumen aufflogen.
Sie hatte sich aufgerichtet, sodass sie zwar noch kniete, aber nun in aufrechter Position zu Radu gewandt.
"Hör auf so einen Stuss von dir zu geben. Draco hat so viel Reife wie ein Teenager, der würde niemals freiwillig von sich aus auch nur zugeben, dass er ein Gänseblümchen für mich übrige hätte, aber sobald etwas passiert oder ich mich selbst fertig mache, dann ist er derjenige, der an mich glaubt und mich wieder aufbaut. Genauso glaube ich keine Minute, dass du ihm so scheiß egal bist, wie du sagst.", wetterte Rei aufgebracht.
"Hey, rede bloß nicht in meinem Namen! Du hast doch keine Ahnung!", warf Draco ein, doch Rei war zur Furie mutiert und packte ihn innerlich am Kragen.
"Ich rede Draco, also halt jetzt besser die Klappe." brummte sie hörbar aufgebracht.
"Ihr seid echt zwei Idioten, die zu einander passen. Da trefft ihr euch so oft und spielt eure Machtspielchen, aber keiner von euch beiden kommt mal auf die Idee dem anderen zu sagen, was er wirklich fühlt! Und wehe ich höre noch einmal den Satz: Ich fühle nichts. Dann raste ich wirklich aus!
Dieser scheiß unnötige Stolz kostet dich nochmal alles, Draco!
Und du..."
Damit zeigte sie auf Radu.
"Hör auf zu glauben du würdest mich wirklich kennen und beurteilen können, was ich für dich fühle und was nicht."
Rei hätte sich dafür am liebsten selbst geschlagen, aber sie war gerade in Rage und da schaltete ihr Hirn und vor allem ihr Selbstschutz immer ab.
"Ich bin her gekommen, weil du Hilfe gebraucht hast und ich dir helfen wollte. Einfach so. Ich meine selbst wenn es nicht diese peinliche Situation zwischen uns gäbe wegen deinen Abenteuern mit Draco, wir kennen uns praktisch kaum, also wie kannst du sagen, dass du mich magst? Ich kann das nicht einfach so. Klar du bist mir schon irgendwie sympathisch, aber jemanden wirklich mögen dauert etwas und erfordert mehr als ein paar Minuten."
Rei warf sich wieder mit dem Rücken an den Stamm.
"Ach Scheiße Mann. Mit mir hättest du doch eh keine Zukunft, mit Draco schon, wenn er es noch rechtzeitig schafft sich zu ändern. Dann könntet ihr glücklich sein.", fügte sie an nun etwas ruhiger.
Ihr Blick ging in die Ferne, wo die Lichter der Stadt den Horizont blau färbten.
Ihr wurde mal wieder schmerzlich bewusst, dass sie ihr ganzes Leben verschwendet hatte und jetzt war es zu spät. Jetzt konnte sie nichts mehr anfangen. Erst recht nicht so etwas.
"Vvvverdammt.", murmelte sie, biss sich auf die Unterlippe und heiße Tränen rannen über ihr Gesicht.
Männer konnten so blöd sein.
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BeitragThema - Re: Erholungswiese   Do 6 Jul 2017 - 17:33
 
Jetzt war er völlig verwirrt, warum rastete sie denn plötzlich so aus? Er hatte sie nicht wütend machen wollen. Er hatte auch nie gewollt, dass sie weinte... Seine devote Seite meldete sich wieder, Radu kauerte sich noch mehr zwischen die Wurzeln der Esche, begann zu zittern und versuchte, sich auf den Grund ihrer Wut zu fokussieren. Dann könnte er sie vielleicht beschwichtigen... Warum war das alles so kompliziert? In Rumänien waren die Dinge einfacher... Wenn einer seiner Herren dort sauer auf ihn gewesen war, gab es vielleicht eine Tracht Prügel oder eine kleine Folter, schlimmstenfalls wurde ihm etwas verboten oder weggenommen. Aber sie rastete richtig aus und das ohne ein wirklich böses Wort gegen ihn. Er war das nicht gewohnt, normalerweise beschimpfte man ihn, warf auch schon mal Gegenstände nach ihm und wenn er dann auch noch auswich, gab es nur mehr Prügel. Und obwohl das für ihn einen gewissen sexuellen Kick hatte, er verstand das Prinzip Schmerz. Aber sie... sie tat ihm nicht weh. Sie beleidigte ihn nicht oder drohte ihm irgendetwas an. Sie stauchte ihn nur zusammen.
Ihn und Draco.
Der hatte da wohl auch so seine Probleme und als sie anfing, ruhiger zu sprechen, wagte er es auch wieder, sieh anzusehen. Sie sprach davon, dass sie ja ohnehin keine Zukunft hätten... Und Draco sich nur ändern musste, damit sie glücklich werden könnten. Glücklich... Sie hatte schon recht, bisher hatten er und Draco nur Machtspielchen gehabt. Und doch hatte Radu mehr für ihn übrig... er mochte ihn wirklich. Und er mochte auch Rei... man könnte sagen, dass er sie vielleicht mochte, weil sie sich nun mal den Körper mit Draco teilte, er die beiden vielleicht auch etwas... verwechselte.
Als wieder Ruhe einkehrte und sie anfing zu weinen, schnellte seine Hand schon automatisch nach vorne, stoppte aber Zentimeter vor ihrem Gesicht. Er zögerte sichtlich, bewegte unsicher die Finger und überlegte, ob es jetzt wirklich eine gute Idee wäre, sie anzufassen... Aber er wollte ihr doch zeigen, dass es möglich sein konnte, dass er jemanden nach so kurzer Zeit mögen konnte... Wäre nicht alles gerade so schwierig, mit seinem halbtoten Bruder in Rumänien und dem Chaos in seinem Kopf, hätte er vielleicht anders reagiert. So grollte leise, während er sie aus seinen gelben Augen ansah und ihr wieder die Tränen vom Gesicht wischte. Seine Pupillen waren nicht so klein wie sonst für ihn üblich, eigentlich hätte er jetzt fast schon normale Augen gehabt, wäre da nicht die ungewöhnliche und auch um Dunkeln sichtbare Farbe gewesen. „Ich mag es nicht, wenn du weinst...“, wisperte er leise und hatte selbst Tränen in den Augen. „Ich... ich bin kein sehr kluger Mann, Rei... Ich weiß nicht viel und am wenigsten... weiß ich über Gefühle. Aber... aber ich weiß einfach, wenn ich jemanden mag... Das ist nicht so kompliziert. Ich mag dich eben... und ich mag Draco. Ich hab ihn sehr gern... Vielleicht weil ich mich bei ihm so lebendig fühle, aber... er versteht mich gerade nicht, glaube ich... du verstehst mich. Und das ist eine... andere Art, zu leben“ Er verzog das Gesicht, fletschte für einen Moment die Zähne und schüttelte den Kopf. „Ich... kann nicht gut reden, ich bin so elegant wie mein Bruder mit den Worten. Oder so wie du. So wie Draco... Du hast recht, ich... kenne dich nicht so gut. Und von Draco weiß... ich auch nicht so viel. Aber ich... will mehr wissen. Ich will euch besser kennenlernen. Dich auch... Weil du so schöne Augen hast... und du riechst nach...Jasmin und Rosmarin, das mag ich einfach... es gefällt mir“ Brabbelte er eigentlich gerade nur Blödsinn oder machte irgendwas davon wenigstens im entferntesten Sinn? Er sah sie etwas unsicher und auch verwirrt an und hoffte einfach, dass sie verstand, was er meinte.
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BeitragThema - Re: Erholungswiese   Do 6 Jul 2017 - 18:16
 
"Ich mag es nicht, wenn du weinst...", hörte sie Radu nach einer Weile sagen und seine Hand wischte wie zuvor die Tränen aus ihrem Gesicht.
Rei fühlte sich jetzt nach ihrem Ausraster ziemlich klein und verletzlich und unendlich traurig. Heimlich wünschte sie sich, sie könnte die Zeit zurück drehen, aber das war Draco gegenüber auch nicht fair, obwohl er in diesem Augenblick lustigerweise genau an das gleiche dachte.
Wieso konnte nicht alles normal sein? Stinknormale Welt, stinknormaler Draco, stinknormale Rei, stinknormaler Radu.
Radu sprach davon, dass er nicht besonders klug wäre und auch wenig über Gefühle wüsste, aber wusste, dass er Draco und sie mochte. Draco, weil er ihm ein lebendiges Gefühl gab und als er das sagte musste sie leicht lachen, aber gleichzeitig kullerte ihr eine weitere Träne über die Wange. Sie wischte sie mit dem Ärmel ihrer Jacke weg, während Radu weiter redete.
So wie er im Augenblick sprach, was er da sprach und wie er sie ansah... entweder Radu hatte noch eine andere Seite, die sie bisher noch nicht kennen gelernt hatte oder der gute war nun endgültig weich im Oberstübchen geworden. Aber sehr weich.
Aber alles, was er sagte ergab Sinn und Rei konnte nicht anders, als ihn mit ein klein wenig Bewunderung anzuschauen. Es kam ihr vor wie ein kleines Wunder. In ihrem Kopf verglich sie die Bilder von a) Radu im Irish Pub und b) Radu jetzt. 
"Wutanfall vs. Normal.", witzelte sie halbernst, dabei machte es mehr Sinn, als sie es selbst merkte.
Sie merkte abermals wie sehr ähnlich sich Draco und Radu waren, was es nicht gerade erleichterte. Sie mochte Draco sehr und Radu war ihr irgendwie langsam sympathisch geworden, vor allem jetzt, wo er nicht wie ein geistesgestörter Todesgott rum rannte. Und er war so nett, dass Rei schon wieder anfing rot anzulaufen und zu grinsen wie eine Vierzehnjährige.
Aber Draco war noch da und er hörte und sah zu und da wurde Reis glückliches Grinsen zu einem leichten Lächeln. 
Nein, das durfte sie nicht. Sie durfte nicht einmal daran denken! Nein, nein, nein.
"Scheiße, du magst ihn.", brach es aus Draco heraus und er starrte sie voller ernstem Erstaunen an.
"Wie wo was? Nein, ach was... er ist doch dein Reißzahn.", antwortete sie erschrocken und versuchte ihre Scham vor Draco zu verstecken.
"Doooch doch doch, und du hast ihn eben Reißzähnchen genannt, nicht ich. Du magst ihn echt. Ach du...", dann brach Draco in Gelächter aus und Reis verlegenes Lächeln verschwand, während sie etwas Angst bekam.
"Ich habe dir versprochen mich da nicht mehr einzumischen. Ich habe dir die Entscheidung überlassen, was mit ihm passieren soll. Das hat sich jetzt nicht geändert."
Draco lachte weiter.
"Lüge dich ruhig weiter an, aber Tatsache ist, dass du ihn nett findest und lieb und was weiß ich... bemitleidenswert?", dann brach sein Lachen abrupt ab, aber ein böses Grinsen blieb, "Du bist so süß, glaubst ernsthaft, dass er dich wirklich mögen könnte, ja vielleicht sogar mehr als mich. Aber lass uns einfach bis morgen warten und all das hier wird sich in Wohlgefallen auflösen und dann wirst du dir wieder Vorwürfe machen und dann ist alles wieder beim Alten. Ist doch so, oder Schätzchen?"
Rei zog die Schultern hoch und der Rest ihres Lächelns verschwand.
Sie würde Draco nichts wegnehmen und Draco hatte ja Recht. Außerdem was würde es Radu schon bringen sie näher kennen zu lernen, wenn sie bald eh Geschichte war? Allerdings... es machte sehr viel Sinn mehr über Draco heraus zu finden. Sie selbst wusste auch fast nichts über ihn, außer dem was er immer erzählte, wenn er prahlen wollte. Zudem könnte Draco sich nicht wirklich dagegen wehren und gleichzeitig konnte Rei ihm so perfekt den Spiegel vorhalten.
Er solle hineinschauen und sehen, dass hinter all den Schatten und dem Feuer noch eine menschliche Seele steckte, die er leugnete - aus Angst.
Reis Gesicht klarte wieder auf und ihr Lächeln kehrte zurück, auch wenn ihre Augen noch etwas feucht waren.
"Okay, aber wir wollen auch mehr über dich wissen.", antworte Rei, wischte sich die Wangen trocken und lächelte Radu liebenswert an.
"Deal?", fragte sie mit einer gewissen Fröhlichkeit in der Stimme und hielt ihm die Hand hin.
Dann merkte sie, dass sie ihm den von ihren Tränen nassen Ärmel hin hielt und begann zu lachen.
"Entschuldige, du willst sicher nicht meine Rotz an dir kleben haben.", sagte sie lachend und schob die Ärmel ihrer Jacke bis zum Ellenbogen zurück.
Dann streckte sie ihm wieder die Hand hin.
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BeitragThema - Re: Erholungswiese   Do 6 Jul 2017 - 21:53
 
Der Ausraster hatte etwas beruhigendes gehabt, vielleicht auf sie beide. Rei war ihm bisher eher zurückhaltend vorgekommen, wie eine unbedarfte kleine Jungfrau eben. Aber sie hatte ein ziemliches Stimmchen, dass sie schon mal hören lassen konnte. Und es war eine Art Weckruf für Radu gewesen. War jemand wütend, war er nicht mit dem zufrieden, was gerade war. Und dann war es seine Aufgabe, das zu ändern.
Allzu falsch konnte er jedenfalls nicht reagiert haben, sie lächelte wieder. Nun ja, zwischendurch zogen sich Schatten über ihre Züge und er überlegte schon, ob er sie wieder aufheitern sollte oder ob er etwas falsches gesagt hatte. Ob sie vielleicht einfach nicht... nein, sie hatte vorhin zwar gesagt, dass er doch unmöglich sagen konnte, dass er sie mochte, aber sie hatte auch gesagt, dass sie ihn sympathisch fand. Und an sich kannten sie sich ja schon länger... na ja, sie teilte sich ja mit Draco einen Körper. Also... irgendwo kannte er sie ein bisschen. Und sie war immerhin gekommen um ihm zu helfen. Vielleicht war er vorhin sehr gemein gewesen, als er sie so in Misskredit gebracht hatte. Aber er hatte sich wirklich so gefühlt, als wäre sie nur zu ihm gekommen, weil sie eben helfen wollte um der Hilfe willen. Aber... vielleicht war sie auch wegen ihm gekommen und das ließ ihn ein bisschen lächeln.
Als sie ihm den Arm mit dem nassen Ärmel hinhielt, war das wohl ein Friedensangebot. Dabei gab es an Radu nicht viel zu wissen. Aber er wollte gerne einschlagen. Dabei störte ihn der nasse Ärmel eigentlich nicht... aber wenn es sie störte, na gut... Als sie ihm schließlich die Hand ganz hin hielt, schlug er nickend ein. „Deal. Wir... lernen uns also einander kennen, richtig?“ Wieder überkam ihn die Neugierde, ob sie sich küssen lassen würde... Aber vielleicht hätte sie dann nur wieder Angst. Es wäre vielleicht nicht gut. „Ich... komme aus Rumänien“, fing er dann zögernd an und sah sie unsicher an, während er ihre Hand in seiner behielt. „Und ich war 15, als ich verwandelt wurde. In einen Vampir, mein ich“, setzte er noch hinten an. War das eine der Infos, die sie vielleicht wollte? „Und... Basarab ist mein Bruder, das weißt du schon... unsere Eltern sind früh an der Tuberkulose gestorben, hat er mir erzählt. Ich kenn' sie nich' mehr. Wir sind bei Zigeunern groß geworden... Und woher kommst du?“ Man fragte doch so etwas, oder? War das richtig?
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BeitragThema - Re: Erholungswiese   Do 6 Jul 2017 - 22:41
 
Der Vampir schlug ein und er lächelte sogar ein wenig. Als er anfing zu erzählen, war Rei etwas überrascht, dass er so plötzlich einfach los legte. Aber Radu schien wohl kein verschlossener Mensch zu sein. Er erzählte, dass er aus Rumänien kam, was Rei unwillkürlich zum Schmunzeln brachte. Er erzählte von seiner Familie und dass er von Zigeunern groß gezogen worden war. 
Ziemlich grobe Angaben, aber Rei war wohl einfach etwas zu neugierig, als dass ihr das genügte. Aber etwas Geduld hatte meistens geholfen und so drängte sie ihn nicht. Besonders beim Punkt Familie, der heute wohl eher zu den Tabus gehörte. Dann erteilte er das Wort an sie.
Rei war schon immer eine Geschichtenerzählerin gewesen, aber die beste Story war ihr eigenes Leben und wenn sie es jetzt nicht im Detail erzählte, dann würde alles keinen Sinn ergeben. Sie wollte Radu vermitteln, wer sie war, woher sie kam war dabei nur der erste Punkt auf einer langen Pfeillinie.
"Ich komme hier aus Cadysa, aber denk jetzt nicht, dass ich aus einer magischen Familie komme. Es gibt Magier, die werden mit ihrer Gabe geboren und andere, welche Zaubern erlernen können. Ich war letzteres. Meine Familie... ist... zerstritten, ich habe keinen Kontakt mehr zu ihnen seit Draco bei mir ist. Aber ich vermisse sie nicht. Besonders nicht das Geschrei, die Streiterein, die Vorwürfe und Schläge. Meine Mutter ist des Teufels Mutter. Zum Glück hat Draco sie nie getroffen, ich müsste fürchten, dass er sie erdrosselt.", fing Rei an zu erzählen und lachte kurz auf.
Das Lachen war aber unsicher und nicht wirklich ernst gemeint. Ihre Körperhaltung versteifte sich automatisch, sobald sie angefangen hatte von ihrer Familie zu sprechen.
"Ich habe eine große Schwester, Silia und einen kleinen, großen Bruder, Christian. Sie sind die Lieblinge der Familie, erfolgreich, beliebt bei anderen, selbstbewusst. Ich bin... das schwarze Schaf. Der Störfaktor. Naja,... gewesen."
Reis Blick senkte sich. Ihr Blick schweifte über den Rasen, über den Weg und ihrer beider Beine. Radu hatte ihre Hand wieder in seiner, aber dieses Mal störte es sie nicht all zu sehr.
"Weißt du, es gibt verschiedene Dinge, die einem helfen Selbstvertrauen aufzubauen. Das wären zum einen eine starke Familienbande und zum anderen gute Freunde. Was mit einem Menschen passiert, wenn du ihm all das vorenthältst, siehst du an mir."
Damit blickte sie wieder zu Radu. Ihre Augen versuchten angestrengt alle Flüssigkeit drin zu behalten, doch nun war sie fast blind, so hoch stiegen die Tränen in ihren Augen.
"Ich war daheim die Enttäuschung, das schwarze Schaf und ich war es in der Schule und ich war es draußen bei den anderen. Sie alle wollten... nichts mit mir zu tun haben. Aber mich auszugrenzen reichte ihnen nicht, es ging immer weiter und weiter, Schlag auf Schlag und irgendwann da... da will man dann einfach nur noch das Küchenmesser nehmen und sich den Hals aufschlitzen. Weil alles besser wäre... als das."
Rei zog angestrengt die Luft an und wischte sich die Augen schnell trocken.
"Ich habe Jahre damit verschwendet einen Weg zu finden, nicht sterben zu müssen, um glücklich zu werden, aber keine Magie dieser Welt kann dieses Loch im eigenen Herzen füllen. Egal wie viel du von dir dafür opferst."
Sie senkte wieder den Blick und hielt kurz inne. Dann fuhr sie mit ihrer freien Hand durch ihre Haare und setzte wieder an:
"Ich ähm... ich müsste eigentlich tot sein, weißt du?"
Sie richtete ihren Blick wieder zu Radu und lächelte leicht. Ihre Augen hatten endlich aufgehört Tränenflüssigkeit zu produzieren. Zumindest vorerst. 
"Ich... ich hatte so eine unbekannte degenerative Krankheit. Mein ähm... Körper, er hat langsam den Geist aufgegeben wie ein Auto das ruckelt und hustet und dann nur noch rollt. Sie... hatten mir sechs Monate gegeben, wenn ich ihre Spritzen und Pillen nahm und ihre Therapien mitmachte. Auf der Suche nach dem Paradies, habe ich mich und meinen Körper zu Grund gerichtet."
Sie seufzte.
"Draco hat versprochen mir meine Schmerzen zu nehmen und mir soweit Kraft zu geben, dass ich diese sechs Monate noch etwas leben kann. Aber selbst er kann meine Fehler nicht wieder ausbügeln. 
Ich weiß, ich weiß, es ist bescheuert: Wer geht einen Pakt mit einem Dämon ein, nur für sechs Monate? Und dann nicht einmal mit Sonderleistungen wie viel Geld oder Berühmtheit."
Rei lachte wieder auf, dann sah sie nach oben zu den Sternen, die man zwischen den Lücken im Blätterdach blitzen sehen konnte.
"Es ist, weil ich es gefunden hatte. Ich hatte das Paradies doch noch gefunden und da erscheinen mir sechs Monate wie ein sehr großer Trost für mein bisher so sinnlos verplempertes Leben."
Ihr Kopf lag im Nacken an den Stamm hinter sich gelehnt. Sie drehte den Kopf leicht und blickte mit einem Lächeln zu Radu, ohne den Kopf vom Stamm zu heben.
"Weißt du, es ist hier. Es war die ganze Zeit hier, aber ich war zu blind es zu erkennen. Und ich wünsche mir, dass Draco es auch sieht. Und fühlt und erlebt."
Ihr vielsagender Blick schien mit gehauchten Worten noch hinzu zu fügen: Du auch.
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BeitragThema - Re: Erholungswiese   Do 6 Jul 2017 - 23:45
 
Gut, er hatte wohl nichts gravierendes falsch gemacht. Sie schalt ihn nicht und antwortete auch gleich und sehr ausführlich auf seine Frage.
Familie... das war so ein Thema bei Radu. Seine Eltern hatte er nie kennengelernt. Basarab hatte ihn aufgezogen. Als die Eltern gestorben war, hatte er nicht mal seinen ersten Winter hinter sich... Aber damals schon hatte sich der kalte und grausame Charakter seines Bruders gezeigt. Er hatte sich, als die ersten Tuberkulose-Toten in der Umgebung aufgetaucht waren, seinen kleinen Bruder aus der Wiege und alles tragbare von Wert aus dem Haus geschnappt und war mit ihm zu den Zigeunern geflüchtet, welche die beiden Kinder aufgenommen hatten. Nur Wochen später hatte er die Nachricht bekommen, dass das Dorf, in dem sie gelebt hatten, von der Epidemie völlig dahingerafft worden war. Sie waren dieser Kugel noch mal ausgewichen... Und von diesem Moment hatte sich der damals kaum acht Jahre alte Blonde um seinen kleinen Bruder gekümmert. Die Zigeunerfrauen hatten ihn mit gestillt, ein paar hatten an der groben Erziehung mitgearbeitet. Aber im Prinzip waren sie außen vor gewesen und hatten sich selbst gehabt.
Und selbst die Zigeuner waren nicht... grausam zu ihnen gewesen. Fast etwas abwesend strich Radu mit dem Daumen über die schmale Hand von Rei, als sie von ihrer Familie erzählte und wie viel ihr enthalten wurde. „Nich nur der“, murmelte er noch darauf, das Draco ihrer Mutter wohl den Hals umgedreht hätte. Das waren die Dinge, die Radu noch nie gefehlt hatten... Er hatte ja seinen Bruder gehabt... aber jetzt, mit dem Hintergrund, ihn zu verlieren, da verstand er auch, wie es ihr ergangen sein musste...
Und dann begriff sogar der geistige Quäker, warum sie vorhin gesagt hatte, sie hätten keine Zukunft zusammen. Weil sie bald sterben würde. Deshalb war sie also mit Draco zusammen. Weil seine Stärke sie am Leben hielt. Und zwar genug, damit sie wirklich leben und nicht nur überleben konnte. So, wie er erst seit ein paar Wochen sich wirklich wieder lebendig fühlte. Mit leicht schiefgelegtem Kopf sah er sie aus ruhigen, gelben Augen an, als sie dann meinte, sie habe ihr Paradies hier gefunden... War es das, was er in ihrem Blut schmecken konnte? Das sie... versucht hatte, sich eine eigene Welt zu machen? Eine für sie bessere? Er kannte den Geschmack von Junkies, er hatte sich schon so einige gerissen weil die leichte Beute waren... Aber das Bittere in ihrem Blut musste die Krankheit sein... Und er grollte leise, weich, als sie sich wieder um Draco Gedanken machte.
Ja, das Paradies... Es war für Radu ein unfassbarer Begriff, er verstand es schlicht nicht. Er lebte im Hier und Jetzt, dachte selten zurück und noch seltener nach vorn. Dass er so viel an die Vergangenheit dachte lag im Moment wohl an der besonderen Situation. Aber das Paradies hier zu finden... Paradies überhaupt zu finden, das konnte Draco sicher besser als Radu. Der hatte keine Ahnung von sowas. Aber was er wusste... das Hier und Jetzt, die Gegenwart war vielleicht das Beste, was es geben konnte. Er lebte einfach... Sofern man bei einem Vampir von Leben sprechen könnte.
Ein Glänzen kehrte in seine Augen zurück, als sie ihn so ansah. Ob er wohl etwas sagen sollte? Eigentlich gab es nur eins, dass er gerade wirklich tun wollte... Er beugte sich etwas zu ihr rüber, bis ihre Gesichter wieder so nahe beieinander waren wie vorhin. „Ich weiß nicht, wie das Paradies aussehen soll. Warum es alle suchen, begreife ich auch nicht ganz. Wir haben alles, was wir brauchen hier. Na ja... jedenfalls schätze ich das... Ich hatte immer alles was ich wollte im Hier. Das, was... hier ist“ Vorsichtig, bereit, sie jederzeit wieder wegzunehmen, legte er ihr eine Hand in den Nacken. Sanft, ohne Druck. Vielleicht hatte er gerade, weil er es nie gesucht hatte, das Paradies schon längst gefunden und wäre er vielleicht einen Ticken klüger gewesen, wäre ihm das sogar selbst eingefallen. Aber so legte er nur wieder seine Stirn an ihre, atmete tief ein. „Ich weiß nicht mal, ob ich noch lebe. Aber ich fühle mich lebendig. Ich habe noch ein Herz... oder nicht? Ein Herz, dass leidet, weil ich Angst um Baba habe... Ein Herz, dass sich freut, wenn du lachst und das bricht, wenn du weinst... Ein Herz, das schlägt“ Der nahm ihre Hand und legte sie sich an seine Brust. „Fühlst du das?“ Ihm war nicht ganz klar, ob er es an Draco oder Rei oder beide richtete... aber irgendwo hoffte er, dass beide zuhörten. Und das sie beide verstanden. „Macht mich das nicht lebendig?“ Wie viel Metapher zu ihr eigentlich hinter seinen Worten lag, kapierte er selbst nicht mal. „Und es schlägt jetzt. Hier. Und dein Herz schlägt auch. Jetzt, genau jetzt. Und das ist... vielleicht mein Paradies. Dass ich hier und jetzt leben kann. Dass ich... tun kann, was... ich will... weil ich es kann...“ Mit jedem Wort war er etwas leiser geworden und ein kleines Stück näher gekommen... Bis sich schließlich ihre Lippen berührten, zuerst nur wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, aber schnell mit mehr Nachdruck, fast liebevoll, nahm der Vampir ihre Lippen gefangen, ohne den Blickkontakt abbrechen zu lassen. Ihre Hand behielt er sich auf seinem Herzen, in der Hoffnung, dass sie es schlagen spürte. Dass Draco es fühlte...
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